„Wandern unter“ oder „Unterwandern“?
Mit der Skulptur „Die Unterwanderer“ gewann Manfred M. Ott einen Wettbewerb
„Wandern unter“ oder „Unterwandern“?
Mit der Skulptur „Die Unterwanderer“ gewann Manfred M. Ott einen Wettbewerb
Seit 2004 steht die Skulptur „Die Unterwanderer“ mitten auf der Verteilerebene der Haltestelle „Friesenplatz“. Genau: Dieses Gebilde aus Messing und Aluminium, um das man immer herumgehen muss und von dem man nicht genau weiß, was es darstellen soll – vielleicht abstrakt geformte Figuren von Menschen? Davon abgesehen ist es allemal praktisch, denn auf dem Sockel kann man sitzen. Das bietet sich an und wird auch genutzt, denn andere Sitzgelegenheiten gibt es hier nicht.
Ein Geheimnis. Doch davon abgesehen: Was will uns dieses Kunstwerk sagen? Was hat sich der Künstler dabei gedacht? Möglicherweise bleibt das sein Geheimnis, denn der Schöpfer dieses Werkes, Manfred M. Ott, ist bereits 2016 verstorben. Und das ist wirklich jammerschade, denn weit und breit findet sich keine tiefergehende Information zu dieser Arbeit.
Kunstmetropole Köln. Bekannt ist lediglich etwas zur Historie: Die unterirdische Haltestelle Neumarkt wurde 1969 eröffnet. Der damalige Beigeordnete für Kunst und Kultur der Stadt Köln, Kurt Hackenberg (von 1955 bis 1979 im Amt), wollte Kunst darin in-stallieren, denn Köln entwickelte sich gerade zu einer international beachteten Kunstmetropole. Es wurde ein Wettbewerb ausgeschrieben, den Manfred M. Ott gewann. Zunächst kreierte er eine farbenfrohe Reliefdecke, die in der Verteilerebene installiert wurde. Die Skulptur „Die Unterwanderer“ wurde kurz danach (1970) im Zugangsbereich zu der damals dort befindlichen Kunsthalle am Haubrichthof im südlichen Bereich der Haltestelle aufgestellt.
Guter Zustand. Mehrfach kam es zu Umbauten in der Haltestelle. Im Jahr 2000 war hiervon zunächst das Deckenrelief betroffen. Es wurde demontiert und eingelagert (nähere Informationen siehe rechte Spalte). 2004 musste auch die Skulptur weichen, für die aber im Friesenplatz ein neuer Standort gefunden wurde. Offenbar ein guter, denn das Kunstwerk – inzwischen immerhin 53 Jahre alt – befindet sich in einem ordentlichen Zustand. Es ist nicht mit Graffiti verunstaltet oder ähnliches. Angeblich wurde das Werk bei einem Bombenanschlag auf die U-Bahn-Haltestelle Neumarkt 1981 beschädigt, aber Genaues weiß niemand und zu sehen ist davon auch nichts.
Hintergründige Ironie. Schon komisch, dass fast nichts zu diesem Werk dokumentiert ist –unbefriedigend allemal. Man kann sich also nur in etwa zusammenreimen, was Manfred M. Ott sich dabei dachte, als er diese handwerklich hervorragend gefertigte Plastik erschuf. Das Wort „Unterwanderer“ gibt es natürlich gar nicht. Und vermutlich saß dem Künstler mal wieder der Schelm im Nacken, als er sein Werk so nannte. Zumindest sagt man ihm nach, dass Ironie und Hintergründiges zu seinem Wesen gehört hätten.

Manfred M. Ott vor „Minotaurus im Spaßbad“ – einem Skulpturenensemble aus PVC (Kornelimünster, Aachen 2013)
Witzige Wortspiele. „Otts Schaffen ist von großem Ernst und zugleich von feinem Schalk getragen“, heißt es in einer Publikation, die 1997 zu einer Ott-Ausstellung in der Kölschen Galerie des Kölnischen Stadtmuseums verfasst wurde. Vermutlich fand Ott diese Wortspielerei einfach witzig. Ein „Teekesselchen“: Menschen, die „durch den Untergrund wandern“ unterwandern ja schließlich tatsächlich etwas. Das „unterwandern“ etwas ganz anders bedeutet, nämlich so etwas wie (Absichten oder Ziele von etwas oder jemandem) untergraben oder aushöhlen, passt ja auch irgendwie.
Kölscher Jung. Sei‘s drum: Der Künstler würde sich sicher freuen, dass er die Nachwelt mit seiner Arbeit so ins Grübeln bringt. Das hat er vermutlich bezweckt, denn es bedeutet, dass sein Werk Bedeutung hat. Und die hat ohne Zweifel auch Manfred M. Ott selbst und über seinen Tod hinaus: Ott war ein echt kölscher Jung. Er wurde hier geboren und hat einen großen Teil seines Lebens hier verbracht. Und er hat deutlich mehr hinterlassen als die beiden bisher genannten Werke.
Breites Schaffen. Ott war Bildhauer, Maler und Zeichner. Sein künstlerisches Schaffen war breit gefächert. Unter anderem hat er für zahlreiche Kirchen und Gebäude in und um Köln Glasfenster kreiert – zum Beispiel für die katholische Kirche „Heilige Drei Könige“ in Rondorf oder die Aula der Erzbischöflichen Ursulinenschule im Kunibertsviertel. Weitere dieser Arbeiten finden sich in Essen, Düsseldorf, Leverkusen, Hennef und anderen Städten. Die Liste der Orte, in denen Otts Werke in Ausstellungen gezeigt wurden, ist nicht nur lang, sondern auch international.
Infos willkommen
Kunst im Untergrund
Wenn Sie Hinweise und Informationen zur Kunst in den Kölner U-Bahn-Stationen haben, wenden Sie sich gern an Gudrun.Meyer@kvb.koeln
Das Relief wurde eingeM.OTTet
„Es geht um ein Kunstwerk, das seit 14 Jahren niemand mehr gesehen hat“, lautete der erste Satz eines Stadtanzeiger-Artikels, der am 4. April 2014 unter dem Titel „Neuinstallation eines Kunstwerks ist der Stadt zu teuer“ veröffentlicht wurde. Berichtet wurde, weil die städtischen Gremien über die weitere Verwendung des Deckenreliefs des Künstlers Manfred M. Ott beraten hatten. Von 1969 bis 2000 hing es in der Verteilerebene der unterirdischen Haltestelle Neumarkt unter der Decke (siehe Foto). Als diese umgebaut wurde, musste das Kunstwerk abgenommen werden und wurde zunächst zwischengelagert. Eine Integration in die neu gestalteten Räumlichkeiten war nicht mehr möglich. Und dann geschah erst einmal lange nichts...
Im April 2012 wurde im Kunst- und Kulturausschuss nachgefragt, was denn mit der Deckenplastik geschehen und wo diese eingelagert sei. Es wurde vorgeschlagen, „das Kunstwerk wieder irgendwo zu installieren“. Schließlich war der damaligen Kulturdezernentin, Marie Hüllenkemper, 1999 (noch vor der Demontage) die künstlerische Bedeutung des Deckenreliefs bestätigt worden. Genützt hat dies nichts.
Da die Trägerplatten des Kunstwerks aus brennbaren Spanplatten bestehen, hätten diese aus brandschutztechnischen Gründen ausgetauscht werden müssen. Kostenpunkt: 20.000 Euro. Für die Wiederherstellung durch den Künstler wären 40.000 Euro angefallen, die Endmontage wurde mit 30.000 Euro veranschlagt. Summa summarum 90.000 Euro und damit eindeutig zu viel. Die Pläne für eine Neuinstallation wurden verworfen. Es müsse nach Sponsoren gesucht werden, hieß es. Offenbar wurden diese jedoch bis heute nicht gefunden, denn das Kunstwerk ist – wie gut unterrichtete Quelle versichern – zwar nicht verschwunden, aber immer noch eingelagert.
